
Digitale Souveränität
Frankreich macht ernst – und Deutschland zieht nach
Europa steht am Scheideweg. Während die Abhängigkeit von US-amerikanischer Software lange als unausweichlich galt, zeigen nun zwei gewichtige Akteure, dass es auch anders geht: Frankreich macht Ernst bei der digitalen Souveränität und verabschiedet sich von amerikanischer Software. Ein neuer Fahrplan sieht den schrittweisen Wechsel von Windows zu Linux vor. Parallel dazu vollzieht die deutsche Bundesverwaltung mit dem Government Site Builder 11 einen ähnlichen Paradigmenwechsel.
Frankreichs radikale Kehrtwende
Die französische Regierung hat angekündigt, auf ihren Behördenrechnern Windows durch Linux zu ersetzen. Federführend ist die interministerielle Digitalbehörde DINUM, die den Schritt als Teil einer größeren Abkehrbewegung von US-amerikanischen Technologieplattformen einordnet.
Die Zahlen sind beeindruckend: Insgesamt betrifft der gesamte Open-Source-Umbau potenziell rund 2,5 Millionen Angestellte im öffentlichen Dienst. Doch Frankreich geht noch weiter. Frankreich hat den flächendeckenden Einsatz der staatseigenen Videokonferenz-Software Visio für alle Behörden beschlossen. Bis 2027 sollen rund 200.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes die Plattform nutzen. Zugleich solle die Nutzung amerikanischer Dienste wie Microsoft Teams, Zoom oder Google Meet über das staatliche Netzwerk künftig blockiert werden.
Die Begründung ist eindeutig: David Amiel, stellvertretender Minister für den öffentlichen Dienst, begründete den Schritt mit der digitalen Souveränität des Landes. Man könne nicht das Risiko eingehen, dass wissenschaftliche Austausche, sensible Daten und strategische Innovationen außereuropäischen Akteuren ausgesetzt seien.
La Suite: Frankreichs souveräne Software-Plattform
Frankreich setzt nicht auf leere Versprechen, sondern auf konkrete Alternativen. Mit „La Suite" schafft Frankreich eine Arbeitsumgebung mit souveränen Alternativen für Chat, Videokonferenzen und Dateiübertragung.
„La Suite" umfasst eine Vielzahl von Anwendungen, die speziell für die Bedürfnisse der französischen Verwaltung entwickelt wurden. Dazu gehören Tchap, ein Instant-Messaging-Dienst, der bereits von über 600.000 Beamten genutzt wird, sowie Visio, ein in Frankreich gehostetes Videokonferenz-Tool.
Der Vorstoß fügt sich in eine größere Strategie Frankreichs zur digitalen Unabhängigkeit ein. Bereits im vergangenen Sommer hatte Paris die Nutzung von WhatsApp und Telegram in Behörden beendet und durch den staatlichen Messenger Tchap ersetzt.
Auch wirtschaftlich rechnet sich das Projekt: Die französische Regierung verspricht sich von der Umstellung erhebliche Kosteneinsparungen: Pro 100.000 Nutzern soll jährlich rund eine Million Euro an Lizenzgebühren für kommerzielle Anbieter entfallen.
Warum der Schritt jetzt kommt
Die Entscheidung Frankreichs ist kein spontaner Aktionismus. In einer Anhörung vor dem französischen Senat räumte der Chefjustiziar von Microsoft Frankreich ein: Es gibt keine Garantie, dass Daten von EU-Kunden nicht doch an US-Behörden übermittelt werden müssen.
Weder Microsoft 365 noch Google Workspace erfüllen in Frankreich das Sicherheitslabel „SecNumCloud", das die nationale Cybersicherheitsbehörde ANSSI vergibt. Dieses Label verlangt unter anderem, dass Anbieter nicht dem Zugriff ausländischer Gesetze wie dem US Cloud Act unterliegen.
Deutschland: Der Bund wechselt von CoreMedia zu TYPO3
Auch in Deutschland findet ein Umdenken statt – wenn auch weniger medial begleitet. Der Government Site Builder (GSB), das zentrale Content-Management-System für Behördenwebsites, durchläuft einen fundamentalen Wandel.
Der GSB basiert bis zur Version 7 auf einem kommerziellen CMS der CoreMedia GmbH. Eine kostenpflichtige CoreMedia-Lizenz ist notwendig, um den GSB nutzen zu können. Die jährlichen Kosten müssen Länder und Kommunen selbst tragen.
Diese Abhängigkeit von einem proprietären Anbieter führte zu einer problematischen Situation. Der Government Site Builder stand lange Zeit auf dem Fundament der proprietären Software CoreMedia, die nur für Bundesinstitutionen lizenziert war. Die Notwendigkeit für Länder und Kommunen, eigene Lizenzen zu erwerben, führte zu der Frage, warum öffentliche Gelder in proprietäre Software fließen sollten, wenn es bereits bewährte Open-Source-Lösungen gibt.
Die Antwort ist der GSB 11 auf Basis von TYPO3. Der GSB 10 war ein erster Schritt in Richtung lizenzfreier Open Source-Lösungen und nutzt eine Java-basierte Open Source-Technologie. Mit dem GSB 11 erfolgt nun der Wechsel auf TYPO3.
Der GSB ist ab der Version 11 eine Maßnahme der Dienstekonsolidierung Bund des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI) und basiert auf dem Open Source Content-Management-System TYPO3.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Wechsel zu TYPO3 bringt erhebliche wirtschaftliche Vorteile: Wegfall von Lizenzgebühren und reduzierte Wartungskosten.
Schleswig-Holstein als deutscher Vorreiter
Während der Bund bei Content-Management-Systemen umstellt, geht ein Bundesland noch weiter. Schleswig-Holstein hat bereits einen großen Teil seiner Arbeitsplätze auf freie Software migriert. Das Land spricht dabei selbst von einem wirtschaftlich tragfähigen Modell und beziffert die eingesparten Lizenzkosten auf mehr als 15 Millionen Euro bei einmaligen Investitionen von rund neun Millionen Euro.
Was Europa lernen kann
Frankreich macht aus digitaler Souveränität gerade Verwaltungspraxis. Deutschland hat Strategien, Projekte und einzelne Vorreiter, vor allem in Schleswig-Holstein, aber noch keinen vergleichbar geschlossenen Kurs.
Der französische Ansatz zeigt, dass digitale Souveränität mehr ist als ein politisches Schlagwort. Die Abkehr von amerikanischen Anbietern bringt handfeste Vorteile wie eine höhere Datensicherheit und langfristige Kosteneinsparungen mit sich.
Minister David Amiel formulierte es unverblümt: Frankreich müsse aufhören, von Plattformen abhängig zu sein, deren Regeln, Preise und Risiken es nicht selbst bestimmen könne.
Fazit: Ein europäischer Trend
Für Europa insgesamt wird damit immer deutlicher: Die Debatte dreht sich nicht mehr nur um Datenschutz, sondern um Kontrolle über Daten, Software-Stacks, Cloud-Abhängigkeiten und politische Handlungsfähigkeit im digitalen Raum.
Frankreich und Deutschland zeigen mit ihren unterschiedlichen Ansätzen, dass der Weg in die digitale Souveränität gangbar ist. Ob flächendeckend wie in Paris oder schrittweise wie beim deutschen GSB 11 – die Botschaft ist klar: Europa emanzipiert sich von der Abhängigkeit amerikanischer Tech-Konzerne. Nicht aus Feindseligkeit, sondern aus der Erkenntnis, dass wer über seine Daten und seine Software nicht selbst bestimmt, am Ende auch über seine Zukunft nicht mehr entscheiden kann.
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